Wie ein freiheitsliebendes Kaninchen auf Abwege geriet

Ich bremste. Vor mir saß Sylvester.

Zum Glück war er nicht tot. Er sah nur so aus, als wäre er ziemlich zufrieden mit sich.

Dabei hatte ich ihn eigentlich für ein Kaninchen gehalten, das sich mit einem Stall, einem Gehege und einer schwarzen Gesellin namens Nora zufriedengab.

Vor den Pfingstferien begann Sylvester, sich für die Freiheit zu interessieren. Bis dahin hatte unser bunt gefelltes Kaninchen zwar regelmäßig bewiesen, dass ein Stall für ihn eher eine unverbindliche Empfehlung als eine feste Wohnadresse war. Aber plötzlich reichte ihm das nicht mehr. Immer häufiger saß er morgens im Innenhof – und manchmal musste ich beim Ausfahren aus der Tiefgarage kräftig auf die Bremse treten.

Ganz anders seine Gesellin Nora. Das schwarze Kaninchen zog den sicheren Stall der gefährlichen Welt des Viertels vor und frönte weiterhin ihrem Nestbautrieb, der sie beim Zusammenleben mit einem kastrierten Kaninchen in einer sinnlosen Wiederholungsschleife gefangen hielt.

Unser Kaninchenstall lag im Gemeinschaftsinnenhof des Viertels, den man von der Straße aus nicht sehen konnte. Das war vermutlich auch besser so. Ein Kaninchenstall mitten im Innenhof wirkt schließlich nur dann idyllisch, wenn man nicht genauer hinsieht. Das Gehege war von einem Netz überspannt, das ursprünglich verhindern sollte, dass die Kaninchen ihre Umgebung erkundeten. Mit der Zeit hatte das Netz allerdings einige Löcher bekommen. Nicht viele. Aber genug. Auch die Gitterstäbe waren überall. Sie begrenzten das Gehege und vermittelten insgesamt den Eindruck, als habe man sich beim Bau sehr bemüht, zwei kleine Tiere möglichst zuverlässig von der Freiheit fernzuhalten. Auf dem Boden des Stalls wuchs schon lange kein Gras mehr. Das hatten Sylvester und Nora zuverlässig erledigt. Übrig geblieben war vor allem Unkraut, das offenbar selbst Kaninchen für ungenießbar hielten. Bis vor Kurzem hatte eine Birke für etwas Naturgefühl gesorgt. Sie war allerdings den Nagegewohnheiten ihrer Bewohner zum Opfer gefallen und musste schließlich gefällt werden. Die Kaninchen hatten damit nicht nur das Gras, sondern auch den einzigen Baum ihres kleinen Reiches erfolgreich beseitigt.

Eigentlich war für die Pfingstferien alles vorbereitet. Der Urlaub war gebucht, die Koffer waren fast gepackt und die Nachbarn wechselten sich mit dem Füttern der Kaninchen ab.

Zwei Tage vor der Abfahrt war Sylvester wieder verschwunden.

Seine Lieblingsverstecke waren leer. Die Nachbarn bekamen deshalb eine leicht veränderte Aufgabenbeschreibung: Das Kaninchen musste diesmal nicht gefüttert, sondern gefangen werden. Das konnte ja heiter werden.

Ein paar Tage blieb es ruhig. Dann meldete sich Frida, die Freundin unserer Kinder. Sie hatte Sylvester auf einer Webseite für zugelaufene Tiere entdeckt. Die Anzeige war allerdings schon ein paar Tage alt.

Kurz darauf meldete sie sich wieder.

Sylvester war gefunden worden.

Eine Studenten-WG hatte ihn eingesammelt, zum Tierarzt gebracht und anschließend im Tierheim abgegeben.

Ich meldete mich beim Tierheim. Dort war man zunächst weniger begeistert darüber, dass wir unser Kaninchen offenbar nicht sicher genug verwahrt hatten. Ich bekam eine ausführliche Einführung in artgerechte Kaninchenhaltung, den Tierschutz und die Verantwortung, die man als Halter so trägt.

Es fielen Begriffe wie Richtlinien, sichere Verwahrung und Gebührenordnung.

Ich hatte inzwischen das Gefühl, dass ich nicht wegen eines ausgebüxten Kaninchens telefonierte, sondern wegen eines mittelschweren Verstoßes gegen das deutsche Kaninchenwesen.

Dabei wollte ich eigentlich nur wissen, wann ich Sylvester wieder abholen konnte.

Das war allerdings nicht ganz so einfach.

Das Tierheim verlangte eine Aufenthaltspauschale von acht Euro pro Tag. Da Sylvester dort voraussichtlich bis zum Ende der Pfingstferien bleiben würde, begann ich zu rechnen.

Ungefähr hundert Euro.

Für ein Kaninchen, das sich ein paar Tage Freiheit gegönnt hatte.

Fortsetzung folgt